Kuschelkurs

Franziska Hauenstein, 09.08.2016

Kuschelkurs

Wie oft höre ich Sätze wie: „Ständig belohnen, das ist keine richtige Erziehung“ oder „Ist ja einfach, mit Leckerchen“ oder „Man muss den Hunden zeigen, wer der Chef ist“…

Ich frage mich echt, was spricht denn eigentlich dagegen, mit seinem Hund den sogenannten Kuschelkurs zu fahren? Ich sehe überhaupt keinen einzigen Grund, seinen Hund dominieren zu müssen, ihn zu irgendetwas zu zwingen, wenn es auch auf die „kuschlige“ Tour geht. Wenn es mit Leckerchen und anderen Belohnungen funktioniert und die Beziehung zu unseren Hunden so sogar auf Vertrauen und Sicherheit basieren darf, warum sollte das dann nicht zählen oder weniger Wert sein? Was um alles in der Welt haben die Menschen gegen Belohnung, Sanftheit und Liebe in der Hundeerziehung? Die Frage verfolgt mich und gerade letzten Sonntag bin ich wieder in eine Situation geraten, die mir eine Antwort geliefert hat.

Auf einem Spaziergang mit meinem Hund kommen uns eine Frau und ein Mann mit zwei Hunden entgegen. Da mein Hund eher ängstlich reagiert auf grössere Hunde, beginne ich sofort, die Situation mit einem Suchspiel zu managen, was auch tiptop funktioniert, er ist beschäftigt und zufrieden. Der Mann aber beginnt, seinen Hund, der lediglich interessiert zu uns rüber schaut, sehr stark und ruckartig mit der Leine am Halsband zu reissen und schreit ihn an: „Fuss!“ Der Hund hat keine Ahnung, was sein Mensch von ihm will. Ich kann nicht zuschauen, wie er seinen Hund herumreisst und rufe dem Mann zu: „Hey, bitte nicht am Hals reissen, das tut dem Hund doch weh“, sofort kommt ein energisches „Doch, das muss sein. Es geht nicht anders als mit Reissen bei ihm. Das ist so stark in seinem Kopf drin!“

 

Ich frage mich, was er wohl aus seinem Hund rauszureissen versucht und will ihm schon entgegenschmettern, dass es wohl eher in seinem Kopf eine Beschränkung gibt. Eine, die keinerlei andere Lösungen, als Gewalt kennt!

Doch da erkenne ich plötzlich sein Dilemma – er ist überfordert mit der Situation, ihm ist gar nicht bewusst, dass ihn sein Hund nicht versteht, er kann sich in dem Moment auch nicht in seinen Hund einfühlen, er ist sehr unsicher und hat Angst, als schwach und unfähig dazustehen vor seinen Mitmenschen – in diesem Fall der Frau, die ihn begleitet und vor mir, die ihn sogar noch auf den Missstand anspricht.

Und dann sehe ich ihn… den kleinen Jungen, der noch immer in diesem Mann steckt und der mit derselben Härte und demselben Druck erzogen wurde, die er jetzt bei seinem Hund anwendet. Er wiederholt, was er kennt. Er kann nur geben, was er selber in sich hat oder was er in sich schon zugelassen hat. Es tut mir leid für diesen Jungen, er hat Sanftheit noch nicht erfahren dürfen oder sie irgendwo tief in seinem Herzen verstecken müssen. Ich fühle mit ihm und verstehe ihn – ohne natürlich sein heutiges Handeln gutzuheissen.

Ich weiss jetzt für mich, warum die Menschen mit den Tieren umgehen, wie sie umgehen, für mich ergibt das Sinn. Für diesen Mann und seinen Hund kann ich nichts tun, ausser ihnen Mitgefühl entgegen bringen und mir von Herzen wünschen, dass er und auch alle anderen Menschen dieser Welt sich auf den Weg begeben, sich selber zu heilen und die Liebe und Sanftheit in ihren Herzen wieder zulassen.

Und wer weiss… vielleicht sind unsere Tiere ja bei uns, um uns genau dabei zu helfen?? Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte… ;-)

 

Seelenhören · Franziska Hauenstein · 8913 Ottenbach · nfslnhrnch